15. September 2011

Gothic Friday #09 – Ist Gothic (D)ein Lebensstil?

Die letzten Male ging es beim Gothic Friday um eher äußerliche Merkmale der Szene. Lesevorlieben, Konzerte, Symbole - Zeit sich wieder auf den inneren Kern zu besinnen und auf die Frage:
Ist Gothic für mich nur eine Bezeichnung für Kleidung und Musik oder "lebe" ich es auch? Was auch immer Gothic in diesem Bezug bedeuten mag, spiegelt es sich in meinem automatisierten Verhalten, meinem Leben und meinen Gedanken wider? Versuche ich mich nur äußerlich abzugrenzen, oder steckt da noch etwas tiefer unten, dass das Goth-Sein für mich ausmacht?
Sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzten, dazu rufen Robert und ShanDark diesen Monat auf: Ist Gothic (D)ein Lebensstil?

Ein schweres Thema, fällt mir doch meistens nicht einmal ein, was ich sagen soll, wenn mich jemand ganz generell fragt, was den Gothic sei. Noch schlimmer: wenn mich jemand fragt, ob ich denn zu dieser Szene gehören würde, kann ich nicht einmal eine eindeutige Antwort geben. Was gleich zu Beginn die lästige Frage nach dem Gothic an sich aufwirft und danach, ob man denn krampfhaft einer (und nur einer!) bestimmten Szene angehören kann/muss/will...

Was ist Gothic?
Wer eine standardisierte Antwort haben will, der soll einfach mal bei Google oder Wikipedia das Wort eintippen und sich zusammensuchen, was er wissen will. Gibt man bei Google zum Beispiel "sind Gothics" ein, so bekommt man gleich zwei wundervolle Vorschläge: Sind Gothics Satanisten? Sind Gothics gefährlich? Ich hab' jetzt nicht extra nachgesehen, doch hoffe ich, dass Tante Google beide Fragen mit einem resoluten "Nein" beantwortet.
Weitere Recherchen führen zu Begriffen wie Sub- und Jugendkultur, Musikvorschlägen, düsteren, blutigen Bildern, Videospielen und nach einiger Zeit auch zu einem Baustil, der auf für ihn typische Spitzbögen hinweist. Der kleine Geist mag nun befriedigt sein zu wissen, dass "die Gothics" eben andere Musik hören, man ihnen auf der Straße aber nicht zwingend im weiten Bogen ausweichen muss. Wer sich mit RTLesken (kann ich mir den Begriff bitte patentieren lassen? RTLesk - etwas das mit spärlichen, nicht immer korrekten Informationen belegt als ausreichend angesehen wird) Begründungen jedoch nicht zufrieden geben will, der muss tiefer graben. Im besten Fall stößt man dann auf einen ganzen Haufen unterschiedlicher Berichte und Lebenserfahrungen so genannter "Gothics", die einem vor Augen führen, dass man eine Szene nicht mit wenigen Worten beschreiben kann. Vor allem, da sich jeder, wirklich jeder einzelne Mensch, etwas ganz eigenes, persönliches, wunderschönes daraus erschaffen kann.
Habe ich jetzt eine Antwort auf die Frage gegeben? Nein. Mit Absicht nicht. Denn wer zu den Kleingeistern gehört hat eh schon längst Wikipedia befragt und ist zufrieden und diejenigen, die jetzt noch dran sind, wissen, dass es keine eindeutige Antwort gibt (ich sie somit auch nicht geben kann) und dass das, was jetzt folgt, nur eine weitere persönliche kleine Abhandlung über das Goth-Sein oder -Nichtsein ist.


Ihr seid noch da! Schön!

Eine Szene? Warum sollte ich mich entscheiden?
Noch ganz kurz, bevor der eigentliche Teil losgeht...
Warum sollte ich mich eigentlich für eine einzige Szene entscheiden, der ich mein Gedankengut, meinen Geschmack in Sachen Literatur, Kleidung und Musik, meine Inspiration entnehme und zu der ich mich zugehörig und in der ich mich wohl fühle? Was ich davon halte lässt sich in mehrfacher Hinsicht durch einen Leitspruch des Wicca-Glaubens ausdrücken: "Solange es niemandem schadet, tu was du willst" Also warum sollte ich mir nicht das beste aus verschiedenen Szenen, Kulturen oder Glaubensrichtungen zusammen suchen?
Ich bezeichne mich nicht als "Vollblut-Gothic", ebensowenig verstehe ich mich aber als Punk oder gar als Öko. Trotzdem finde ich einige Ansätze aus den verschiedensten Einflüssen interessant, (nach)lebenswert und habe im Laufe der Jahre einige Bruchstücke aus verschiedenen Richtungen gesammelt und daraus mein eigenes Lebensbild zusammen gesetzt. Das manche Szenen mehr oder weniger einflussstark waren und noch immer sind versteht sich ja von selbst, doch scheint man immer nach dem beurteilt zu werden, was am prominentesten zu Tage tritt, meistens durch pures Betrachten von Äußerlichkeiten, oder nach der Äußerung einer politischen, meist parteiungebundenen Meinung. Dass sich vor allem das äußere Erscheinungsbild von Tag zu Tag, nach jedem Griff in den Kleiderschrank, wandeln kann wird entweder nicht wahrgenommen oder sogar als Fähnchen-im-Wind-Attitüde angeprangert.
Warum sollte sich jemand von seinen Punk-Kumpels als Verräter betiteln lassen, nur weil man mit langem Ledermantel und Cyber-Goggels durch die Stadt läuft? (na Michi, erkennst Du Dich wieder? )

Nun aber zum eigentlichen Thema, schließlich soll ich hier nicht referieren, sondern erzählen ob und wenn ja, inwieweit Gothic für mich ein Lebensstil ist. Obwohl, ist ja mein Blog, ich kann ja eh tun und lassen was ich will, schadet ja keinem...

Das mein Lebensstil nicht zu 100% dem Gothic-Gedanken entspringt sollte ja nun klar sein. Viel habe ich vor allem von der liberalen, ethischen und nachdenklichen Lebensweise meiner Eltern übernommen. Es prägt einen eben doch, was man vorgelebt bekommt, vor allem, wenn man ohne Internet und 500 Fernsehsender aufwächst.
Nichtsdestotrotz, (ein Wort, das zusammengeschrieben absolut scheiße aussieht...) haben sich einige gotische Einstellungen, Vorlieben und Neigungen in mein Leben eingeschlichen, die man wohl am ehesten mit dieser Szene in Verbindung bringt. Wie wichtig, groß oder prägnant dieser Teil in meinem Leben ist und wie sehr er Entscheidungen und Verhaltensweisen beeinflusst ist 1) nicht so leicht zu sagen schwankt 2) von Tag zu Tag, Stunde zu Stunde, Gefühl zu Gefühl.

1. Düsterkitsch und Düsterkult
Ich mag Horrorthemen, Halloween, Fledermäuse, Totenschädel, Vollmondnächte, die Stimmung auf einem nebelumwaberten Friedhof, dunkle Geschichten mit verstörendem Inhalt, Hexenkult, schwarze Kleidung, "schwarze" Musik und "schwarze" Clubs. Aber eben auch nicht immer. Das Grundinteresse ist da und ich komme davon beim CD- oder Klamottenkauf auch niemalsnie los...

2. Melancholie und Selbsterkenntnis
Stimmt das, macht die Gothic-Szene auch aus, das man viel nachdenkt und keine Minuten lang Ruhe vor seinen eigenen Gedanken hat. Wahrscheinlich geht es sehr vielen Leuten so und nur die Nuancen entscheiden den "Otto-Normal-Bürger" vom Grufti. Melancholische Gedankengänge, die ganzen was-wäre-wenn-Fragen, sich üerschlagende Gedanken über Leid, Tot, die Welt um einen herum und vor allem: sich selbst. Ich denke viel über ich nach, immer wieder mit unterschiedlichem Ergebnis. Ich will damit jetzt nicht sagen, dass Selbstreflektion ein gotischer Zug ist, doch ich denke, dass die Inhalte und die Herangehensweise in meinem Falle eher zur dunklen Seite der Macht tendieren...

3. Der Tod und das Mädchen
Das wurde der Szene ja schon oft, viel und unberechtigter Weise nachgesagt: die Todessehnsucht. Nur weil man weniger Skrupel oder Angst davor hat sich mit diesem Thema auseinander zu setzten heißt das noch nicht, dass Leute die das tun auch gleich eine Sehnsucht nach Gevatter Tod entwickelt haben. Zumindest kann ich hier ganz klar aus meiner Sicht sprechen!
Dennoch birgt das Thema Tod eine gewisse Faszination. Für gläubige Menschen scheint es klar zu sein, wie es nach dem Tod weiter geht und generell gar nichts glaubende Menschen wissen es auch: es hört einfach auf. Wenn man sich in einem Zischenstadium befindet, wie ich, in dem man nicht wirklich an ein bestimmtes religiöses Konzept glaubt aber auch nicht an gar nichts, so ist die Frage nach dem "Danach" sehr spannend und mysteriös.
Plus: durch das viele Nachdenken über und das Denken an den Tod verliert selbiger viel von seinem Schrecken. Das hilft in meinem Falle jetzt nicht nur dabei, mich unbekümmert in ein Flugzeug zu setzten, ohne gleich an den katastrophalen Absturz zu denken, sondern auch dabei das Leben, das man ja noch hat, zu genießen, wertzuschätzen und das Bestreben zu haben das Beste herauszuholen. Und in dem Fall kann ja wohl keiner bestreiten, dass es das Leben einfacher, schöner und lebenswerter macht!

4. Politik
Ich habe mal gehört oder gelesen, dass die Gothic-Szene sich auch aus dem Grund von der Punkwelle abgespalten hat, um dieser politischen Gebundenheit zu entfliehen. Als ich in meinem "politischen Alter" war, lagen die Anschläge des 11. September noch nicht weit zurück und die Welt war gespalten über das neue Feindbild. Für die einen waren es die unbekannten Touristen aus "dem Osten", für die anderen ein einziger Mann: George W. Bush. Zugegeben, ich war damals noch ziemlich Jung und wenn man einen guten Kumpel hat, der sowieso durch und durch Sozialdemokrat ist, dann steht man schnell auf einer bestimmten Seite, ohne genau zu wissen wie das jetzt passieren konnte.
Irgendwann wurde aber auch ich älter und wie bei so vielem musste ich auch in der Politik erkennen, dass nicht alles aus Schwarz und Weiß besteht (ein schlechter Vergleich bei dem Thema... irgendwie). Mir fiel es zunehmend schwerer mich für eine Seite zu entscheiden und mit dem Wahlrecht, dass ich mit 18 bekam wurde es bei Weitem nicht besser. Warum also nicht etwas im politischen Nichts herumdümpeln? Ganz aus der Verantwortung ziehen darf man sich natürlich nicht und ich habe immer noch Tendenzen für und gegen bestimmte Gruppierungen, doch bevor man sich von dieser mittlerweile eh total gleischförmigen Politik den Tag versauen lässt, beschäftige ich mich lieber mit anderen Dingen.
Dieser Zug ist zwar auch nicht rein gotisch, aber da meine Wandlung doch ziemlich konform mit dem obigen Ansatz der Szenen-Entwicklung läuft, wollte ich ihn mal aufgreifen. Außerdem kann ich, wenn ich über politische Themen schreibe, etwas meinen professionelleren Hausarbeitenstil üben...

Ein Fazit?
Ich bin kein Vollblutgrufti! Genausowenig wie ich kein Vollzeitnerd, Ganztagespunk oder 24/7-Spaßmacher bin. Mein Leben setzt sich aus vielen Dingen zusammen und die oben genannten gehören, unter anderem, dazu, sind aber nicht so präögend, dass ich mich einem voll hingeben würde oder überhaupt wollte. Vieles hat mein Leben maßgeblich beeinflusst, die Gothic-Szene gehört da genauso dazu wie meine Leidenschaft für Disney-Filme, doch wäre es ziemlich eintönig mich nur durch einen bestimmten Aspekt beschreiben zu wollen. Denn da ist definitiv mehr!

Kommentare:

  1. Ein ganz starker Artikel, liebe Maehnenwolf - liest sich auch sehr gut. Chapeau!

    Über "Vollblutgrufti" musste ich ja bisschen schmunzeln und ich frage mich die ganze Zeit, was denn nun ein Vollblutgrufti ist? Ich bin wohl auch keiner, dafür hab ich früher bisschen zu viel Metal, Punk und Hardcore inhaliert. Aber diese gruftitypischen Sachen, die Du beschreibst, haben Bestand in Deinem Wesen - und daher sind sie zu Deinem Lebensstil geworden.
    "Der Tod und das Mädchen" ist übrigens schön gewählt und ja, der Tod ist der beste Lehrmeister für das Leben - wie Du schreibst, man lernt sein Leben zu genießen und besser wahrzunehmen. Es sind zwar nicht nur Grufties, die der Tod fasziniert oder die sich damit auseinandersetzen - das merke ich immer auf dem "Bestatterweblog". Aber für mich persönlich ist das definitiv ein 'wichtiger', wenn nicht gar zentraler Bestandteil des gruftigen Lebensstils.

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  2. Wow, ein wirklich ausgezeichneter Bericht, der mich zum schmunzeln brachte :)

    "...wenn man ohne Internet und 500 Fernsehsender aufwächst."
    Was waren das für Zeiten, auch als des TV Gerät noch keine Fernbedienung hatte *smile*.

    Vielleicht macht gerade dieser Mix einen "Vollzeitgrufti" aus? *malsoindenraumwerf*

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:) :( :P :-* :-O :F :7 :3 XD